let´s talk about death!
monatlicher stammtisch zu den themen sterben, trauer und todWie können wir über etwas sprechen, das oft sprachlos macht? In unserem monatlichen Stammtisch trafen sich Menschen, um in geschützter und gemütlicher Atmosphäre über Sterben, Tod und Trauer ins Gespräch zu kommen – offen, ehrlich und mit einer Prise Leichtigkeit.
Der Stammtisch „Let’s talk about death!“ ist Teil einer weltweiten Bewegung, bei der sich Fremde zusammenfinden und gemeinsam über den Tod philosophieren. Als ich damals die Idee zu einem monatlichen „Todes-Talk“ hatte, wusste ich allerdings noch gar nichts von diesem Trend. Und das kam so: „Let’s talk about death, baby! Let’s talk about you and me …“ – so betrat ich eines Morgens nach dem Aufstehen meine Küche, und die Melodie von Salt’n’Pepa verfolgte mich fortan als Ohrwurm. Zu dieser Zeit war ich in einem stationären Hospiz angestellt und täglich mit dem Tod konfrontiert. Wenn ich in mein „normales“ Leben zurückkehrte, passierte immer wieder das Gleiche, sobald ich meine neue Beschäftigung ansprach: Das große Schweigen betrat den Raum.
Auch im Hospiz, bei den Angehörigen und vielen Sterbenden, traf ich auf große Sprachlosigkeit. Über etwas zu sprechen, was so unbegreifbar ist, gern verdrängt, angstvoll besetzt und aus der Gesellschaft ausgesperrt wird – das fällt richtig schwer! Die besten Gesprächspartner zu den Themen Sterben und Tod sind und bleiben Kinder: Sie fragen einfach drauflos und wollen handfeste Informationen haben, kennen keine Hemmungen vor „falschen“ Fragen, wie wir Erwachsenen. Dabei gibt es keine falschen Fragen, das weiß ich heute. Es gibt nur unempathische Antworten.
Zurück zum Ohrwurm. Er ließ mich nicht los, und ich fantasierte weiter: Wie wäre es, einen Ort zu haben, an dem man ganz unkompliziert ins Gespräch über den Tod kommen könnte? Ein gemütlicher, unverbindlicher Ort mit kuscheligen Sofas, heißem Tee und kühlem Bier. Ein Ort, der die Schwere des Themas ausgleicht – und an dem man ein regelmäßiges Treffen veranstaltet: eine Art Gesprächsrunde. Ein Stammtisch! Unter dem Motto: Zuhören, erzählen, philosophieren!
Ich erzählte meiner Freundin und damaligen Kollegin Daniela Glänzer von der Idee, und sie war genauso begeistert davon wie ich. Wir waren ab sofort ein Team und legten los: Die Wahl des Ortes fiel auf ein angesagtes Wiesbadener Café mit einem separaten Raum. Vom Cafébetrieb akustisch getrennt durch eine Glastür, ist man für sich – und doch mittendrin.
Ich entwickelte Logo und Website, wir druckten Flyer und gingen mit unserer Idee an die Presse, die – angetan von dem Konzept – ausführlich darüber berichtete.
Am Eröffnungsabend im Februar 2015 warteten wir voller Aufregung auf die Teilnehmer – es war ein Experiment und ein Wagnis, auf das wir uns da einließen: Gab es noch andere Menschen, die wie wir über Tod und Sterben sprechen wollten?
Die Resonanz war umwerfend und zeigte uns, dass wir auf dem richtigen Weg waren: 25 Menschen kamen. Das Feedback war durch die Reihe positiv, und wir waren begeistert! Dennoch wussten wir, dass sich unser Stammtisch erst einmal bewähren musste. Und das tat er: Im Durchschnitt kamen zu den Treffen über die nächsten vier Jahre zehn bis zwölf Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Professionen. Immer ein abwechslungsreicher Mix aus Interessierten und Fachmenschen aus dem Hospiz- und Palliativbereich. Alle vereinte jedoch das Bedürfnis, sich den Themen Tod, Sterben, Abschied und Trauer zuzuwenden und sich darüber auszutauschen.
Anfangs gab es immer eine kurze Vorstellungsrunde, wobei galt: Wer nur zuhören will, der darf schweigen. Dann warfen wir ein Thema in die Runde, meist verbunden mit einer Geschichte. Daraus entstand eine eigene Dynamik, und jeder hatte etwas dazu zu erzählen. Wir alle waren jedes Mal begeistert von der Offenheit, dem Vertrauen und der Toleranz unserer Teilnehmer – und jede Frage führte zu hundert neuen. Und auf so viele gab es keine Antwort …
Angsteinflößend. Spannend. Lebendig!
Immer lag nach unserem Stammtisch ein Gefühl von Gemeinschaft und dieses magische Etwas in der Luft. Das, was immer da ist, wenn man sich öffnet, anderen wirklich zuhört und seine Ängste und Sorgen teilt.
Der unkonventionelle Name und die Gestaltung wurden regelmäßig gelobt, auch der Austausch unter Fremden fand großen Anklang: Man wäre gleich viel offener, hieß es. Es sei gemütlich im Café, man fühle sich wohl. Viele unserer Teilnehmer waren inzwischen zu Stammgästen geworden und traurig, wenn sie einen Stammtisch verpassten.
Im September 2018 – nach drei Jahren und acht Monaten – gaben wir bekannt, dass wir den Stammtisch nicht mehr weiterführen würden. Die Teilnehmer beschlossen einstimmig, sich unter eigener Organisation weiterhin zu treffen und Name sowie Konzept beizubehalten.
Ich freue mich, dass die Idee weitergetragen wird, denn ich glaube, dass jeder eine Geschichte zu diesen Themen zu erzählen hat. Ach was – viele Geschichten …
Interview in der Frankfurter Rundschau: Presse-Pdf
Artikel im Stadtmagazin sensor
Artikel im Wiesbadener Kurier am 05.04.2016
Artikel im Wiesbadener Kurier am 30.01.2020